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Taschenbuch:   ISBN: 9783756521975
eBook(ePub):   ISBN: 9783756521982 

Seiten: 188

 

Inhaltsangabe:

Der Privatdetektiv J.W. Göthe, Spitzname Wolfi, ermittelt in einem Fall von Diebstahl auf dem Bau. Bei seiner Observierung im Auftrag des Firmeninhabers und Bauunternehmers stellt sich heraus, der anfängliche verdächtige Mitarbeiter ist nicht die betreffende Person. Ein anderer Mitarbeiter rückt in den Fokus des Detektives. Zur gleichen Zeit verschwindet die ältere Dame im Nachbarhaus der Detektei. Wolfi wird von seiner Lebensgefährtin gebeten, sich zusätzlich noch um die verschwundene Nachbarin zu kümmern. Das die beiden Fälle zusammenhängen könnten ahnt er nicht.

 

Leseprobe:

Um den besagten Fall schildern zu können, muss ich weiter ausholen, was damit zu tun hat, dieser war von Anfang an nicht als ein solcher zu erkennen. Wie der Buchtitel es beschreibt verschwand die Nachbarin im Nachbarhaus. Dies war aber ein längerer Prozess und nicht vorher abzu-sehen gewesen.
Den Anfang würde ich daher wie folgt sehen. Gabi hat mir da zugestimmt, auch sie sieht es so. Fangen wir an.

 

4. Februar 1989, Samstag, 10.00 Uhr
Essen Stadtwald

Ich befand mich nun seit zwei Wochen in meinen neuen Räumlichkeiten. Der Fall, an dem ich arbeitete, war genauso einer wie ich ihn in der Einführung beschrieb. Ein Bauunternehmer hatte den Verdacht, ein Mitarbeiter würde sich zu bestimmten Zeiten krankmelden und kurz davor verschwand immer Material von den Baustellen. Für einen Zwischenstandsbericht saß ich am Schreibtisch und fasste die Tätigkeit auf einer Seite zusammen. Also im Grunde genommen erstellte ich ein Protokoll der letzten Tage, so wie ich es als Polizist auch getan hatte. Insofern hatte sich nicht viel geändert. Die DIN A4 Seite war fast voll als Frau Böhm in den ehemaligen Praxisempfang kam. Ich sage deshalb Frau Böhm, weil wir uns zu dem Zeitpunkt noch
siezten.
Die Tür hatte ich offengelassen. Sie rief als sie an der Theke stand.

„Herr Göthe, sind Sie da?“

„Ja, ich bin hier“, antwortete ich.
Sie kam zu mir, blieb im Türrahmen stehen und sah mich an.

„Einen schönen guten Morgen, Frau Böhm“, grüßte ich.

„Was machen Sie da?“

„Ich schreib einen Zwischenstandsbericht, für einen Auftraggeber, der um 12 Uhr kommt.“

„Darf ich mal schauen?“, erkundigte sie sich.
Ich sagte natürlich, JA. Sie kam zu mir und schaute auf meinen Bericht, auf den ich schon recht stolz war. Das sah Frau Böhm ganz anders.

„Sie schreiben den Bericht mit Hand?“, fragte sie fast entrüstet, obwohl es offensichtlich war.

„Ja, warum?“

„Das macht aber keinen guten Eindruck.“

„Bei meiner Schreibmaschine ist das Farbband leer“, erklärte ich.

„Schreibmaschine? Und Sie sagen, das Farbband ist leer?“

„Ja, ich muss unbedingt ein neues kaufen gehen.“

„Sie wollen ein Farbband kaufen gehen? Ja, haben Sie keinen Computer auf dem Sie das schreiben können?“
Ich muss Sie wohl sehr entgeistert angesehen haben.
Sie kam näher und schaute auf das, was ich geschrieben hatte. Ihrem Kopfschütteln nach zu urteilen gefiel ihr das wohl nicht.

„Kommen Sie mal mit“, sagte sie zu mir und ich folgte ihr.
Es ging in den Keller, wo ein Rechner mit Monitor stand, Den passenden Drucker gab es auch dazu. Sie erklärte mir, das dies zur Praxis gehört habe. Nachdem ich alles nach oben zum Schreibtisch getragen hatte, sagte sie zu mir.

„Wissen Sie wie man das anschließt?“
Das musste ich zu dem Zeitpunkt leider verneinen. Schneller als ich schauen konnte hatte Frau Böhm alles angeschlossen und startete den Rechner. Die nächste Frage die ich auch mit nein beantworten musste war, ob ich damit umgehen konnte. Wie selbstverständlich setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb den Bericht von mir ab. Als sie die Seite ausdruckte, meinte sie zu mir.

„Das habe ich für meinen Mann auch immer getan. Er hatte auch kein Händchen dafür.“
Die Uhr auf dem Schreibtisch zeigte bereits 11.30 Uhr. Dabei fiel mein Blick aus dem Fenster, an dem der Schreibtisch stand. Im Nachbarhaus schaute eine ältere Frau aus diesem, direkt zu uns herüber. Ich stutzte, da ich die Dame zuvor noch nie gesehen hatte. Instinktiv und freundlich wie ich nun mal bin winkte ich der Dame zu. Sie schien sich darüber zu freuen, da sie anfing zu lächeln und winkte zurück. Frau Böhm sah es und sie schenkte mir einen überaus freundlichen Blick. Ohne zu ahnen hatte ich das getan, was bei ihr besonders gut ankam. Ich war freundlich zu mir
fremden Menschen. Ich bin halt ein echter
‚Ruhri‘ und da macht man das so.

„Wer ist die ältere Dame?“, wollte ich wissen, während ich freundlich weiter zu ihr herüberschaute.

„Frau Fendler. Sie wohnt dort schon seit 60 Jahren. Ihre Tochter und der Schweigersohn sind vor ein paar Jahren zu ihr gezogen. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, wohnt sie nur in dem einen Zimmer dort.“

„Warum? Das Haus ist doch so groß wie dieses hier“, bemerkte ich.

„Möglicherweise täusche ich mich“, räumte Gabi ein. „Wann sagten Sie, kommt Ihr Auftraggeber?“

„Um 12 Uhr will er hier sein. Wahrscheinlich ist er früher da.“
Und so war es auch, keine fünf Minuten später schellte es an der Haustür.

„Setzen Sie sich an den Schreibtisch“, sagte Gabi zu mir und gab mir den Ausdruck in die Hand, den sie noch einmal durchgelesen hatte.
Sie ging zur Empfangst
heke und betätigte einen Schalter, den ich noch nicht ausprobiert hatte. Es war auch noch kein Besuch zu mir gekommen. Ehe ich mich versah saß Gabi, also Frau Böhm, hinter der Theke. Mein Auftraggeber, Herr Lehmann Junior, kam herein und stutze sichtlich, als er sie dort sitzen sah. Sie stand wieder auf und begrüßte ihn freundlich. Spätestens zu diesem Zeitpunkt glaubte ich nicht mehr, was ich sah. Sie begleitete den Auftraggeber in mein Büro. Wir begrüßten uns, er sah sich um. Nach kurzer Zeit sagte er zu mir, wie begeistert er von der augenscheinlichen Professionalität wäre die meine Detektei nun hätte. Er setzte sich und ich fing an die vergangenen fünf Tage zusammenzufassen. Währenddessen saß Gabi wieder hinter der Theke. Wie ich aus dem Augenwinkel sehen konnte schrieb sie irgendetwas auf. Nachdem mein mündlicher Bericht abgeschlossen war, übergab ich ihm den schriftlichen Zwischenstandsbericht. Er schaute drauf, überflog den Inhalt und sah mich an und meinte.

„Ganz ehrlich, ich war mir ja nicht sicher ob ich bei Ihnen, Herr Göthe, gut aufgehoben bin. Aber das, was ich jetzt hier sehe, hat mich überzeugt und somit erteile ich Ihnen und Ihrer Mitarbeiterin den Auftrag, weiterzumachen.“
Ich war begeistert und mir wurde in dem Augenblick so richtig bewusst, was für einen wertvollen Dienst mir Frau Böhm erwiesen hatte.

„Es handelt sich um diesem Mann“, sagte Herr Lehmann Junior und hielt mir einen Zettel hin, den ich annahm und drauf schaute. Der Name, die Anschrift und ein Lichtbild waren dabei. Er umriss noch kurz worum es gehen würde.
Zehn Minuten später war ich mit meiner
‚Mitarbeiterin‘ wieder alleine. Da ich den Auftraggeber zur Tür begleitet hatte, befand ich mich vorne an der Theke. Sie strahlte mich an und ich bedankte mich erst einmal bei ihr.

„Das hat Spaß gemacht“, sagte sie. „Das machen wir jetzt immer so.“

„Ich kann Sie aber nicht für Ihre Mithilfe bezahlen. Soviel bleibt im Augenblick nicht über“, informierte ich sie.

„Ich möchte doch kein Geld von Ihnen. Wenn ich an Ihren Ermittlungen teilhaben kann, ist das schon Bezahlung genug. Bis zum Tod meines Mannes war ich immer hier in der Praxis beschäftigt. Seit er leider viel zu früh verstorben ist habe ich nichts mehr zu tun. Zu Anfang war das ja schön, nur mit der Zeit wusste ich nichts mehr mit mir anzufangen. Daher kommt mir die Hilfe für Sie gerade recht. Sie machen einen professionellen Eindruck auf die Auftraggeber, ich kann an den Detektivgeschichten direkt teilhaben, ist bestimmt auch viel interessanter als es in Büchern zu lesen ist und obendrein bin ich etwas beschäftigt.“
Meine Blicke haben daraufhin sehr dümmlich ausgesehen, wie sie mir viel später sagte, da sie mir noch einmal bestätigte, sie würde mir sehr gerne helfen. Natürlich freute ich mich über ihr Angebot, was ich auch annahm.

„Was machen Sie jetzt?“, erkundigte sie sich bei mir.

„Bis Montagmorgen nichts“, erwiderte ich.

„Dann haben Sie jetzt also Zeit?“

„Ja, was kann ich für Sie tun?“, erkundigte ich mich und ahnte, dass es nun an eine Gegenleistung ging.
Es kam anders als gedacht.

„Wären Sie bereit, mir von Ihrer Tätigkeit als Polizist mal einiges zu berichten?“
Ja, ich war bereit. Sie lud mich zu ihr nach oben ein. Wir verbrachten den Tag miteinander. Ich erzählte ihr, was mir von fast zwei Jahrzehnten so einfiel. Im Laufe des Nachmittags boten wir uns das Du an. Abends kochte sie für uns beide und es war das leckerste Essen, was ich je bekommen hatte. Als ich so gegen 23 Uhr wieder nach unten im meine Detektei-Wohnung ging gab sie mir noch mit auf den Weg.

„Ich habe dir an der Theke einen Zettel hingelegt. Da stehen Dinge drauf, wo ich glaube, die wären unten in der Detektei noch sehr sinnvoll.“
Ich bedankte mich für den schönen Tag und das tolle Essen und ging runter.

 

5. Februar 1989, Sonntag, 9.00 Uhr
Essen Stadtwald

Ich saß am Schreibtisch und studierte den von Gabi geschriebenen Zettel. Als ich am Ende angekommen war, war mir so, als wenn jemand rufen würde. Aus dem Fenster sehend sah ich Frau Fendler, die am offenen Fenster gegenüber stand und herüberrief.

„Hallo, Sie da, junger Mann!“
Nachdem auch das meine offen war, erkundigte ich mich.

„Hallo Frau Fendler, haben Sie mich gerufen?“

„Ja, habe ich. Sagen Sie mal, wer sind Sie, junger Mann?“

„Ich bin der Herr Göthe mit Ö.“

„Goethe schreibt man mit OE nicht mit Ö.“

„Ich schreib mich aber mit Ö.“

„Habe ich ja noch nie gehört. Sind Sie auch Arzt?“

„Nein, ich bin kein Arzt, ich bin Privatdetektiv.“

„Was machen Sie denn in der Arztpraxis?“

„Das ist keine Praxis mehr, sondern jetzt meine Detektei.“

„Sagen Sie, sind Sie dann auch so ein Detektiv wie Hercule Poirot von der Schriftstellerin Agatha Christie?“

„Kann man so sagen.“

„Noch eine Frage, Herr Göthe mit Ö, woher wissen Sie eigentlich wie ich heiße?“

„Ich bin Detektiv, so etwas finde ich heraus.“

„Oh, dann muss ich aber aufpassen was ich so sage.“

„Sie waren Patientin bei dem verstorbenen Doktor Böhm?“, fragte ich hinüber und vernahm hinter mir ein Geräusch der Dielenbohlen.
Als ich mich umsah stand da Gabi.

„Ah, ihr zwei unterhaltet euch schon?“, erkundigte sie sich.

„Ja“, antwortete ich und Frau Fendler fragte hinüber.

„Gabriele, warum ist das denn keine Praxis mehr?“, erkundigte sich Frau Fendler.

„Ich wollte keine Praxis mehr“, antwortete Gabi.

„Och, das ist aber nicht schön, mit dem Herrn Göthe mit Ö kann ich aber nichts anfangen.“

„Wie meinst du das?“

„Was soll ich denn mit einem Detektiv? Ein Arzt wäre mir lieber gewesen.“

„Das tut mir leid, jetzt ist der Herr Göthe hier“, antwortete Gabi.

„Wie heißen Sie denn mit Vornamen, Herr Göthe, doch wohl nicht auch Johann Wolfgang?“

„Doch, Sie können mich aber einfach beim Vornamen nennen.“

„Gut, das mache ich, Johann Wolfgang. Dann darfst du auch Käthe sagen.“

„Sehr gerne, Käthe.“
Ich sah, hinter ihr ging die Zimmertür auf. Eine Frau, etwas älter als ich, kam in das Zimmer. Sie bemerkte, dass wir uns unterhielten. Das schien ihr nicht zu gefallen, da sie sagte. „Mutter, du sollst nicht mit Fremden sprechen.“

„Aber, Kind, das ist Johann Wolfgang.“

„Ja, nee ist klar, das ist Johann Wolfgang, vielleicht heißt er auch noch Goethe?“, hörten wir die Tochter sagen.

„Ja, genau, Johann Wolfgang Göthe, aber mit Ö“, erwiderte Käthe.

„Mutter, du hast einen Knall. Du wirst allmählig niedlich.“

„Quatsch, ich werde nicht niedlich. Er heißt so und ist Privatdetektiv.“

„Entschuldigung…“, sprach ich dazwischen.

„Ja, Mutter, ist ja schon gut. Der Mann ist Johann Wolfgang Göthe und ist Privatdetektiv“, sagte die Tochter und schloss Käthe das Fenster vor der Nase.

„Was war das denn?“, fragte ich Gabi.

„Das war Andrea. Mein verstorbener Mann hat sie, wenn wir über sie sprachen, nur das Tier genannt.“

„Unmöglich, wie geht die denn mit ihrer Mutter um?“

„Da kann man leider nichts machen. Das hat mein verstorbener Mann auch schon versucht“, sagte sie und sah mich an und fragte. „Wie möchtest du dein Ei?“

„Äh… frühstücken wir zusammen?“, fragte ich erstaunt zurück.

„Möchtest du nicht mit mir frühstücken?“

„Doch, gerne, aber ich wundere mich nur.“

„Du musst dich nicht wundern, du musst mir jetzt nur sagen wie du dein Ei möchtest.“

„Mittel weich, bitte.“

„Gut, dann kannst du jetzt mit hochkommen. Bring den Zettel mit“, sagte sie und ging vor.
Ich erinnere mich noch sehr gut an den Morgen, ich war fast perplex und wusste nicht, wie mir geschah. Nicht das mir das nicht gefallen hätte, ich wäre zu allem, wozu sie mich einlud, mitgekommen. Nein…, ich muss korrigieren, es muss heißen… ich bin ihr zu allem gefolgt wozu sie mich einlud und das sehr gerne. Sie bemerkte, es gefiel mir, was ihr wiederrum gefiel und wir…, halt, aber das gehört jetzt hier nicht hin.
Gabi ist eine schlanke Frau von 1,65 Körpergröße. Sie trägt, seit ich sie kennengelernt habe, einen Kurzhaarschnitt. Die Haarfarbe ist braun. Ihre Gestalt ist weiblich, von allem nicht zu viel und nicht zu wenig. Man kann es auch als ausgewogen bezeichnen. Rundum eine Frau, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte.
Oben bei ihr angekommen, fand ich dort einen gedeckten Tisch vor, der keine Wünsche offenließ. Es gab vier
verschiedene Käsesorten. Mein Lieblingskäse, Gouda, war genauso vorhanden wie unter anderem Kräuterfrischkäse. Sechs unterschiedliche Wurstsorten zählte ich. Drei Marmeladensorten, aus denen ich mir nichts machte, waren auch vorhanden und die Brötchenanzahl hätte für eine halbe Fußballmannschaft gereicht. Und die Auswahl erst, es gab von jeder Sorte mindestens eins. Bei der Betrachtung des Tisches wurde mir klar, sie musste das schon am Vortag oder noch früher geplant haben, denn wieso hatte sie so viele verschiedene Dinge auf dem Tisch stehen, als Einzelperson?
Die Antwort lag also auf der Hand.

„Oder hättest du lieber Rührei gehabt?“, fragte sie mich.

„Ich freue mich über das eine wie über das andere“, erwiderte ich.

„Gut, dass ich das weiß, dann gibt es nächstes Wochenende Rührei.“
Während wir zusammen frühstückten, erkundigte sie sich.

„Du bist aber nicht so einer, der sonst so einen Körnerkram isst, oder?“

„Um Gottes willen, das überlasse ich den Hühnern, die stehen darauf.“

„Was hältst du von Tee?“

„Nur wenn ich krank bin und den Kopf unter dem Arm habe. Ich trinke am liebsten Kaffee.“

„Das höre ich gerne. Mein verstorbener Mann trank nur Tee und aß am liebsten so einen Müslikram.“

„Wie hieß denn dein Mann mit Vornamen?“

„Werner. Dr. Werner Böhm, Allgemeinmediziner.“

„Warum sagst du nicht seinen Vornamen?“

„Weiß nicht, wahrscheinlich weil ich so mehr Abstand habe.“

„Also, ab jetzt sprechen wir über ihn als Werner, in Ordnung?“, fragte ich.

„Wenn du das so sagst, Johann“, sagte sie und schaute mich mit einem neugierigen Blick an.
„Sprechen dich alle mit Johann an?“

„Nein, niemand.“

„Dann also mit Wolfgang“, machte sie die Feststellung.

„Nö, alle die mich länger kennen sagen Wolfi zu mir.“

„Wolfi? Wolfi gefällt mir gut.“
Während wir weiteraßen überlegte ich, wie alt sie wohl sein würde. Es fiel mir schwer sie zu schätzen. So alt wie ich vielleicht, 40 Jahre? Jünger nicht! Sie muss wohl meine Blicke gesehen haben, da sie mich direkt geradeheraus fragte.

„Was überlegst du, was du von mir wissen möchtest?“

„Wie alt du bist.“

„Bald 47 Jahre, ich habe am 11. Februar Geburtstag.“

„Also 7 Jahre älter als ich. 11. Februar? Das ist ja nächste Woche Samstag.“

„Stimmt und wann hast du Geburtstag?“

„Am 14. November.“

„Also Sternzeichen Skorpion. Skorpion und Wassermann sollen aber nicht zusammenpassen, sagt man.“

„Oh, wie schade“, erwiderte ich und wunderte mich über das, was ich gerade gesagt hatte und biss mir auf die Unterlippe.
Sie sah mich mit einem gewissen Blick an, wobei mir ganz anders wurde. Dann lächelte sie plötzlich, als wenn ihr etwas eingefallen wäre.

„Ob Skorpion und Wassermann wirklich nicht zusammenpassen oder doch… können wir ja in der nächsten Zeit feststellen.“
Mir stockte der Atem und das in dem Augenblick abgebissene Stück Brötchen mit Goudakäse blieb mir fast im Hals stecken. Wie hatte sie das gemeint?
Die Antwort auf diese Frage sollte ich noch an diesem Tag bekommen.
Wir frühstückten weiter, bis sie mich fragte, was ich an dem Tag noch vorhätte.

„Ich wollte gleich einmal zu der Baustelle fahren, wo der zu observierende Mitarbeiter tätig ist.“

„Kann ich da mitfahren?“

„Aber natürlich, sehr gerne doch“, antwortete ich freudig und musste mich schon wieder über mich selbst wundern. Irgendetwas in meinem Inneren antwortete schneller als ich überhaupt denken könnte.
Ihr gefiel die Antwort und sie schenkte mir ein bezauberndes Lächeln mit einem ganz besonderen Blick. Woran ich mich bis heute sehr gut erinnern kann, da ich ihn seit diesem Samstag noch viele, viele Male mehr sehen durfte. Recht glücklich über diese Entwicklung und der Tatsache, dass ich an einem so toll gedeckten Tisch sitzen durfte, aßen wir weiter. Nach drei Brötchen war ich ‚pappsatt‘ und bekam keinen Bissen mehr herunter. Das, was auf dem Tisch übriggeblieben war, sollte noch für die nächsten Tage reichten. Beim Tisch abräumen wollte sie wissen, ob ich schon mal verheiratet war oder ich Kinder hätte. Beides verneinte ich. Logisch das sie wissen wollte, warum ich nie verheiratet war.

„Es hat sich nie die richtige gefunden. Meine drei Beziehungen waren nichts für immer.“
Eine halbe Stunde später standen wir mit meiner Kamera in der Hand vor der Tür und schauten auf mein Auto, was auf dem Parkstreifen stand. Gabi sah sich zum ersten Mal meinen vor wenigen Wochen gekauften dunkelblauen Ford Granada Kombi an.

„Wenn du nie verheiratet warst und keine Kinder hast, warum fährst du dann so eine Familienkutsche?“

„Aus praktischen Gründen. Mit ein paar Handgriffen kann man ihn zu einem Handwerkerwagen umrüsten oder mit einem Kindersitz und Spielsachen auf der Rückbank nach einer Familienkutsche aussehen lassen. Bei längeren Observierungen könnte ich zur Not auch mit vier oder fünf Wolldecken drin schlafen.“

„Dann hast du den Wagen noch nicht so lange?“

 

Sonntag, 11.00 Uhr
Essen Heidhausen

An der Baustelle des Mehrfamilienhauses angekommen nahm ich die Kamera von der Rückbank und bemerkte, auf dem Kleinbildfilm mit 36 Fotos in der Spiegelreflexkamera waren nur noch zwei Fotos frei. Das sagte ich auch, aber mehr zu mir selbst als zu ihr und ergänzte, ich müsse morgen noch ein paar Kleinbildfilme kaufen.

„Du kannst die Digitalkamera von meinem…“, fing sie den Satz an, sah zu mir herüber und sagte weiter. „Von Werner nehmen. Die er hat er sich kurz vor seinem Tod gekauft. Die ist wie neu und ich benutze sie sowieso nicht. Ich habe es nicht so mit dem Fotografieren.“

„Was ist das denn für eine?“, wollte ich wissen, rechnete aber nicht damit, dass sie es wusste.

„Eine Fujix DS-1P mit sechs Speicherkarten, um viele Fotos machen zu können“, antwortete sie.
Ich war platt, dass sie das wusste.

„Du wunderst dich jetzt bestimmt das ich das weiß, obwohl ich mir nichts aus fotografieren mache, richtig?“
Ich bestätigte es.

„Ich habe sie gestern erst in der Hand gehabt, sonst hätte ich das auch nicht gewusst“, gestand sie.
Ich bedankte mich für das Angebot und fragte mich im Stillen, ob ich das Angebot annehmen konnte.
Während der nächsten zwei Minuten, wo keiner von uns etwas sagte, sah ich auf die Bauwagen auf dem Baustellengelände.

„In dem linken der beiden Bauwagen befindet sich das Werkzeug“, informierte ich sie.

„Woran siehst du das?“, fragte Gabi mich.

„Der rechte Bauwagen hat an der Seite Fenster. Der ist für die Arbeiter zum Umziehen und Pause machen“, erklärte ich und sah zu ihr.

„Schau mal, da kommt jemand aus dem linken Bauwagen“, machte Gabi aufmerksam.

„Mist, der sieht hierher“, stellte ich fest.
Mit dem was dann passierte hätte ich nie im Leben gerechnet. Sie schwang ihren Oberkörper zu mir herüber, schaute mich von vorne an und küsste mich. Dabei verdeckte sie mein Gesicht. Es war kein kurzes Küsschen, sondern ein langer Kuss. Ein wirklich langer Kuss und schon stellte ich mir die nächste Frage.

– Diente der Kuss nur zur Ablenkung? – dachte ich kurz nach.
Ich versuchte links an ihr vorbei ‚zu lugen‘ und sah ihn, wie er wieder wegschaute und die Tür des Bauwagens abschloss. Ich nahm die Kamera hoch und drückte zweimal auf den Auslöser. Als ich die Kamera wieder herunter nahm war der Mann weg.

„Der Mann ist weg“, informierte ich sie im Küssen.
Sie nahm ihre Lippen von den meinen, sah mich an, sagte, dass es dann wohl so wäre und küsste mich erneut.

– Der Kuss diente dann wohl nicht nur zur Ablenkung – dachte ich während des nicht enden wollenden Kusses.

Nach einer gefühlten Minute löste sie ihre Lippen von den meinen, sah mich irgendwie mit verliebten Augen an und fragte mich, ob ich genauso empfinden würde wie sie. Meine Reaktion darauf war mehr ein nicken als eine mündliche Antwort, da ich nur Wortsilben in stotternder Form hervorbrachte. Sie sah mich an und küsste mich erneut, aber nur kurz. Als sie wieder auf dem Beifahrersitz saß meinte sie zu mir.

„Jetzt weißt du nicht, wer der Mann gewesen ist.“

„Ich habe blind zwei Fotos geschossen, ob die was geworden sind, sehen wir, wenn wir den Film haben entwickeln lassen“, erwiderte ich und dachte mehr daran, dass wir zu zweit den Mann aus dem Bauwagen hatten kommen sehen. Sie hingegen fasste es anders auf und ließ auch keinen Zweifel darüber aufkommen, dass ich es nicht anders gemeint haben könnte, da sie mich ansah und sagte.

„Du glaubst gar nicht wie sehr ich mich darüber freue, dass du mich an deinen Ermittlungen teilhaben lässt, ich dir ab jetzt zur Hand gehen kann und gerne auch noch mehr.“
Dabei warf sie mir einen Luftkuss herüber.
Außer einem ‚Äh‘ kam bei mir nichts.
Was nicht daran lag, dass ich ihre Nähe nicht schön
gefunden hätte oder ich als Mann der Eroberer der weiblichen Person hätte sein wollen. Auch bestand ich nicht darauf als einsamer Wolf meine Detektivarbeit unbedingt alleine machen zu wollen, wie es in vielen Geschichten oder in Filmen immer wieder zu sehen ist.
Nein, das war es alles nicht.
Ich war schlichtweg platt. Im Grunde genommen hatte ich doch nur Räumlichkeiten für meine Detektei gesucht. Die hatte ich nun, sogar in guter Lage. Ohne es gewollt zu haben gab es eine hinreißende Vermieterin, die sich für mich interessierte, obendrauf. Und das mir, der nie eine echte Beziehung gehabt hatte. Klar, ich hatte von meinen drei Beziehungen erzählt. Das Wort Beziehung war dafür aber eigentlich schon übertrieben gewesen und war mehr eine Selbstlüge. Wie auch immer…
Jetzt gab es da eine hinreißende Frau, die sich ernsthaft für mich interessierte und an meiner Detektiv-Arbeit teilhaben wollte.
Langsam kam da ein Gefühl in mir auf, was mir sagte, das ist sie.
Sie, Gabriele, eine Frau, die mir von Beginn an gefiel. Mit Interesse an mir hatte ich im Leben nicht gerechnet. Den gleichzeitig aufkommenden Warnhinweis in meinem Kopf ignorierte ich bewusst. Zu häufig hatte ich auf diese Stimme in der Vergangenheit gehört, wenn es sich um eine Frau gedreht hatte. Ich beschloss für mich, „du Stimme“ hast jetzt Pause.
Ihre Frage an mich riss mich aus meinen Gedanken.

„Wolfi, was überlegst du?“

 

 

 
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