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Taschenbuch:   ISBN: 9783753122229
eBook(ePub):   ISBN: 9783753122236 
Seiten: 458

 

Inhaltsangabe:

Im zweiten Teil der Geschichte hat die organisierte Kriminalität weiteren Einfluss auf den Tourenwagen-Sport genommen. Erst durch das Verschwinden eines Reporters und der Unterstützung von Mark Kirchheim und seinem Team kommt Licht ins Dunkel. Die Ermittlungen nehmen Fahrt auf und die Täter können ermittelt werden.

 

Leseprobe:

Lanzarote gehört zu den Kanarischen Inseln und der Ort Playa Blanca befindet sich im Süden der Insel. Im Jahre 1993 war am Rand des Ortes, Richtung Westen blickend, die vorletzte Hotelanlage Playa Flamingo. Heute ist das nicht mehr der Fall. Der Ort hat sich inzwischen wesentlich vergrößert.
Aber davon will ich ja gar nicht berichten. Kommen wir zu dem Punkt, wo der zweite Teil der Geschichte weitergeht.

 

7. Februar 1993, Sonntag, 10.30 Uhr
Lanzarote
Playa Blanca

Im Oktober hatten Mark und Michaela einen Urlaub in dieser Bungalow-Anlage gebucht. Der erste gemeinsame Urlaub der beiden. Da die Ferienanlage eine eigene Bucht hat, lagen sie an diesem Sonntag das erste Mal zusammen am Strand. Am Vortag waren sie frühmorgens mit einer LTU-Maschine am Flughafen von Arrecife angekommen. Während Michaela ruhig den Flughafentransfer von der Ferienanlage genutzt hätte, wollte Mark schon im Reisebüro einen Leihwagen am Flughafen bereitstehen haben. Und so hatten sie einen Seat Marbella gebucht. Mit diesem Kleinwagen und ihren beiden Koffern waren die beiden knapp eine dreiviertel Stunde über kleine alte Landstraßen nach Playa Blanca gefahren. Dort angekommen hatten sie die Koffer als erstes ausgepackt, um anschließend eine halbe Stunde zum Ortskern über die Promenade an weiteren Hotelanlagen und dem Hafen vorbeizugehen. Im Ort gab es einen kleinen Supermarkt, in dem sie eingekauft hatten. Natürlich war Mark Gentleman alter Schule und trug die beiden Tüten mit Getränken und Knabbereien zu ihrem Bungalow zurück. Das er sich während des Weges immer wieder fragte, warum er jetzt nicht mit dem Seat gefahren sei, muss wohl nicht erwähnt werden. Mark hatte das aber inzwischen längst wieder vergessen als er neben seiner Michaela im Sand lag. Für Kälte gewöhnte Deutsche waren 18 bis 20 Grad schon warm im Februar. Natürlich war es für Bikini und Badehose noch zu frisch. Aber in kurzer Hose und T-Shirt ging es. Nachdem beide knapp eine Stunde so da lagen und die Sonne genossen, wollte Mark von ihr erfahren.

„Sag mal, du hast doch einen Reiseführer gekauft?“

„Ja, habe ich“, antwortete sie.

„Hast du da schon mal reingeschaut?“

„Habe ich, warum?“, fragte sie und lächelte dabei.

„Was können wir uns denn morgen mal ansehen?“

„Das kann ich dir sagen, ich habe den Reiseführer sogar dabei. Einen Augenblick.“
Michaela holte ihn aus einer Strandtasche heraus. Mark sah, dass seine Freundin kleine Schnipsel in dem Reiseführer verteilt hatte.

„Also“, fing sie an. „Da ist zum ersten der Nationalpark Timanfaya. Oben im Norden gibt es Jameos del Agua. Das ist ein Lavatunnel, in dem es einen See gibt, in dem weiße Krebse leben. Die sollen einmalig auf der Welt sein. Oder La Geria, ein Weinanbaugebiet im schwarzen Lavagestein. Mmh ... das hier ist auch sehr interessant. Es gibt ein Haus von einem spanischen Maler, Architekten und Bildhauer. Der heißt ... warte, ich finde es gleich ... César Manrique. Der ist übrigens letztes Jahr im September verstorben. Das Haus ist zum Teil unter der Erde in Lavablasen gebaut.“

„Klasse, hört sich toll an. Womit fangen wir morgen an?“, wollte Mark wissen.

„Wie du willst.“

„Dann machen wir es der Reihe nach, wie du es vorgelesen hast.“
Sie blieben noch zweieinhalb Stunden am Strand bis sie sich in das Hotel-Restaurant begaben. Die Dame im Reisebüro hatte ihnen Vollpension vorgeschlagen, da der Preisunterschied zu dieser Jahreszeit nur ein paar D-Mark pro Woche war. Das Angebot hatten sie gebucht. Am Nachmittag gingen sie die Promenade Richtung Ortskern entlang bis der Weg hinter den letzten Hotels zu Ende war. An den folgenden sechs Tagen fuhren beide mit dem Seat Marbella zu den von Michaela vorgeschlagenen Orten und weiteren Sehenswürdigkeiten. Auch besuchten beide den jeden Sonntag stattfindenden Trödelmarkt in der alten Inselnhauptstadt Teguise. Beiden tat der Urlaub gut. Nicht nur wegen der zurückliegenden Monate, sondern auch, dass beide nur für sich waren. Michaela merkte, dass Mark ihr sehr wichtig geworden war. Aber auch Mark wusste, dass er die Frau nicht mehr hergeben wollte. Sie war ‚die Frau‘ in seinem Leben. Ganz verliebt schlenderten beide über den Markt und blieben an einem Stand für Strickwaren stehen. „Mark... Mark Kirchheim“, hörten beide hinter sich rufen. Mark und Michaela drehten sich um. Und da standen die Mercedes-Piloten Bernhard Schneiber und Rudolf Basch. Sie strahlten die beiden an.

„Was macht ihr denn hier?“, wollte Bernhard wissen.

„Urlaub, so wie ihr zwei anscheinend auch“, antwortete Mark strahlend zurück.

„Das ist kein Urlaub, sondern wir sind im Trainingslager“, antwortete Rudolf.

„Trainingslager, hier auf dem Markt?“, fragte Mark und lächelte dabei.
Bernhard und Rudolf verzogen die Gesichter.

„Einen Tag in der Woche haben wir frei.“

„Ihr zwei macht also hier Urlaub?“, fragte Bernhard.

„Ja, unser erster gemeinsamer“, sagte Michaela.

„Wo wohnt ihr denn?“, wollte Rudolf wissen.

„In Playa Blanca“, antwortete Mark. „Und ihr?“

„Oben im Norden in einem Sporthotel. Da, wo nix los ist“, sagte Bernhard und verzog das Gesicht erneut.

„Habt ihr Zeit? Wir könnten uns zusammen dort drüben in die Bodega setzen“, schlug Bernhard vor.

„Ja, Klasse, das machen wir“, freute sich Mark und sah dabei Michaela an.
Die nickte zustimmend. Also gingen die vier in die nahegelegene Bodega. Dort kam man sofort ins Gespräch. Rudolf wollte wissen: „Wie geht es denn jetzt eigentlich bei euch weiter? Wir haben in den Nachrichten von dem BMW-Ausstieg gehört. Das kam ja ziemlich unerwartet, oder?“

„Ja, das kann man wohl sagen. Damit hat keiner gerechnet. Zumal wir ja ein paar Tage vorher noch in München bei BMW waren und die Zusicherung für dieses Jahr bekommen haben.“

„Was macht ihr jetzt?“, wollte Bernhard wissen.

„Wir nehmen wie geplant teil.“

„Klar, mit eurem bisherigen M3 also“, beantwortete Bernhard sich seine Frage selbst.

„Den haben wir natürlich noch. Könnten wir auch nehmen“, erwiderte Mark.

„Könnten?“, fragten Bernhard und Rudolf gleichzeitig.

„Wir haben einen anderen Wagen“, sagte Michaela.

„Jetzt sag nicht auch einen Alfa Romeo 155 V6?“

„Nein, keinen Alfa“, erwiderte Mark.

„Einen Ford Mustang 5 Liter etwa?“, fragte Bernhard.

„Ich sag es euch. Einen 190E 2,5 16V EVO 2.“

„Nein. Das gibt es doch nicht“, sagte Bernhard schaute Rudolf an und meinte. „Der da wird einer von uns.“

„Ja, da legst dich nieder“, sagte Rudolf. „Wie ist es denn dazu gekommen?“
Mark erzählte daraufhin kurz von Wolfgang, dem Freund seines Chefs, der auch der Vater von Michaela sei. Das der eine Bank in Hamburg hätte. Das das Team von Wolfgangs Bank und Michaelas Familie unterstützt werde. Mark erzählte weiter von der Lackierung des 190er. Das der Wagen weiß sei und mit ´Hanseaten Bank Hamburg´ in dunkelblau beschriftet wäre. Dies würde fast über beide Fahrzeugseiten gehen. In etwas kleinerer Schrift, in grün, würde ´Fenster und Türen Müller´ noch draufstehen. Kofferdeckel, Motorhaube und Dach wären noch frei. Die Start Nummer 25 hätten sie aber weiterhin. Die beiden Mercedes Piloten waren ganz erstaunt. Michaela und Mark wollten von den beiden einiges über deren Team wissen. Ohne Geheimnisse zu verraten, erzählten sie von dem Mercedes Soneix Team bei dem sie jetzt wären. Die beiden waren zwar im Jahr ´92 190er gefahren, aber in unterschiedlichen Teams. Das eine gab es nicht mehr, das andere war umbenannt worden. Somit waren Bernhard Schneiber und Rudolf Basch jetzt zusammen in einem Team. Alle vier unterhielten sich danach noch lange über die Veränderungen im Reglement. Auch über den Verband Deutsche-Tourenwagen-Rennen. Unter anderem zum Beispiel darüber, dass der Verband einige Zeit nach dem Zurücktreten von BMW und Audi die Änderungen der Motorregelung wieder zurückgenommen hatte. Was aber die Entscheidung der beiden Firmen danach nicht mehr änderte. Alle vier fanden es sehr schade, dass die Firmen BMW und Audi nicht mehr dabei seien. Michaela und Mark erfuhren von den beiden, dass auch die Firma Mercedes eine Zeitlang über den weiteren Einsatz in der Deutsche-Tourenwagen-Rennen nachgedacht hatte. Zum Glück waren aber Alfa Romeo und Mercedes noch dabei. Bei Opel waren sich alle vier noch nicht sicher, ob die Firma wirklich an der Saison 1993 teilnehmen würde. Auch sprachen sie noch lange über die Eigenschaften und Besonderheiten des 190er. Michaela bemerkte, dass sich die Bodega langsam leerte und sie Vier fast die letzten Gäste waren. Auch die Besucher des Marktes waren fast alle verschwunden. Die Stände wurden allmählich abgebaut. Die Vier hatten sich einfach verquatscht. Bevor sie aus der Bodega geworfen wurden, bezahlten sie ihre Rechnungen. Vor der Tür verabschiedeten sich Mark und Michaela von ihnen. In den nächsten 2 Tagen unternahmen sie noch zwei Ausflüge, die sie in dem Reiseführer gesehen hatten. Es war Mittwochmittag als beide an der Promenade in Playa Blanca im Lokal Brisa Marina saßen. Eines der schönsten Lokale im Ort und das nicht nur wegen der Aussicht. Mark sah sie ganz verliebt an. Sie sah es und wusste, ihr geht es genauso. Er wollte gerade etwas sagen als auch Michaela einen Satz anfing. Beide bemerkten es.

„Bitte du zuerst, Liebling“, sagte der Gentleman.

„Nein Schatz, du zuerst“, antwortete sie.
Beide lächelten einander an. Dann fing Mark mit leisem Ton an.

„Mm... ich wollte dich fragen...“, er wurde rot im Gesicht.

„Ja, was wolltest du mich fragen“, sagte sie nach ein paar Augenblicken.

„Mm... also ich wollte dich fragen... du hast mich doch lieb?“

„Natürlich.“

„Und wir bleiben doch zusammen, oder?“

„Was ist das denn für eine Frage? Natürlich bleiben wir zusammen“, erwiderte sie und lächelte ihn weiter an.
Sie hielt den Kopf dabei leicht schief.

„Könntest du dir vorstellen... äh... also ich meine... du und ich.“
Er machte eine erneute Pause.

„Ja?“, fragte sie ihn und nickte dabei. Und fast rausrufend sagte Mark: „Kannst du dir vorstellen, dass wir zwei uns verloben?“
Dabei konnte man ihm ansehen, dass er doch arge Zweifel hatte, ob sie wirklich JA sagen würde. Sie lächelte ihn weiter an und warf ihm einen Luftkuss zu.

„Ja, mein Schatz. Nichts lieber als das.“
Eine längere Pause trat ein. Beide sahen einander verliebt an. Die Lokalbesucher an den umliegenden Tischen schauten zu den beiden. Ein Deutscher am Nachbartisch sagte plötzlich „Jetzt küss sie doch endlich.“ Erst jetzt bemerkten sie, dass alle Gäste in ihrer Nähe alles mitbekommen hatten. Mark stand daraufhin auf und ging um den Tisch. Sie stand auch auf. Beide nahmen einander in den Arm und küssten sich länger. Was zu spontanem Applaus bei den anderen Gästen führte. Die restliche Zeit bis zur Abreise am Samstagmorgen verbrachten die beiden am Strand, am Pool und sehr häufig im Bett.

 

19. Februar 1993, Freitag, 10.00 Uhr
Köln

Wie jeden Morgen befand sich auch an diesem Michele Alessandro Mascali um diese Uhrzeit im Wintergarten. Nicola und Janni waren dabei zu frühstücken. Signore Mascali hatte schon eine Stunde vorher gefrühstückt und war sehr neugierig auf die jüngsten Berichte der Männer. Da seit Ende Oktober das Anwesen von der Polizei nicht aus dem Auge gelassen wurde, hatte Nicola die Mitarbeiter in einem kleinen Gasthof im Westerwald getroffen. Da Janni nicht direkt über die Aktionen der beiden und der Männer informiert werden sollte, musste er warten bis Janni sich später mit seinen beiden Freunden traf. Solange konnten Signore Mascali und Nicola nicht über die jüngsten Ereignisse sprechen. Zu seiner Überraschung traf sich Janni nicht mit seinen beiden Freunden sondern eine halbe Stunde später kamen Giuseppe Lombardi mit seinem Porsche 911 Turbo S und Emanuele De Rosa mit dem Ferrari F40 auf das Anwesen gefahren, was Jannis Vater jetzt eher positiv fand als noch einige Monate zuvor. Da hatte er Josef, dem alten Hausangestellten, noch die Anweisung erteilt, die beiden nicht mit ihren auffälligen Fahrzeugen auf das Gelände zu lassen. Seit sie aber von der Straße aus immer noch von einem Observierungs-Team in einem älteren Ford Sierra überwacht wurden, war jetzt jede auffällige Abwechslung gut. Bei der Ankunft von Giuseppe und Emanuele wurden die Insassen im Observierungs-Wagen sehr unruhig, hektisch und rutschten auf ihren Sitzen herum. Am liebsten hätten sie jetzt eines der neuen Mobiletelefone gehabt. Hatten sie aber nicht, das war zu teuer für die Polizei. Es gab zwar den Funk im Wagen, der funktionierte aber nicht überall gleich gut und das wussten die beiden im Auto und genau an einer solcher Stelle befanden sie sich nun seit fast drei Monaten im regelmäßigen Wechsel. Sie notierten sich die Kennzeichen. Beide überlegten, was nun zu tun sei. Die Ablösung würde erst in ein paar Stunden kommen. Könnten sie die Stelle verlassen und einen Kilometer die Straße runterfahren, wo eine bessere Funkverbindung war? Nein, konnten sie nicht oder richtiger gesagt, konnten sie schon. Es wäre aber nicht gut gewesen, den Posten zu verlassen. Beide entschieden sich vor Ort zu bleiben und weiter aufzuschreiben, wer und wann das Grundstück befuhr und verließ. Josef brachte für Giuseppe und Emanuele zwei Kaffee in den Wintergarten. Signore Mascali wollte von den dreien wissen, was sie an diesem Tag vorhatten. Nicht das ihn das interessiert hätte. Tat es nur bedingt, um nicht zu sagen, fast gar nicht. Eigentlich wollte er nur wissen, wie lange die drei bleiben würden. Denn schließlich brannte er darauf, zu erfahren, was es Neues in dem Geschäftsbereich Motorsport gab. Zu seinem Leidwesen musste er hören, dass die drei gar keine Pläne hatten. Wer Signore Mascali genau kannte, konnte sehen, dass ihm das nicht gefiel. Kurzer Hand machte er den jungen Männern einige Vorschläge, was sie tun könnten. Wie zum Beispiel neue Anzüge kaufen, nach Schuhen schauen oder vielleicht mal nach den neusten Automobil-Modellen. Janni merkte sofort, dass sein Vater ihn eigentlich nur aus dem Haus haben wollte, ließ sich aber nichts anmerken. Dafür nutzte er die Gelegenheit und nahm den Vorschlag von ihm wörtlich. Noch nie war er von seinem Vater aufgefordert worden nach neuen Autos zu schauen. Deshalb hakte er nach: „Und wenn wir für mich einen schönen Wagen gefunden haben, sagst du nur wieder ‚der ist zu auffällig‘ und ‚dein Alfa reicht doch noch‘.“
Sein Vater bemerkte seinen Fauxpas. Wollte aber nicht vor Jannis Freunden zurückrudern. Zumal die Familie Lombardi zu der süditalienischen Kalabrien Zentrale gehörte. Zähneknirschend stimmte Signore Mascali zu, dass Janni nach einem neuen Wagen schauen konnte. Sagte aber seinem jüngsten Sohn, dass er zuerst mit ihm sprechen müsste, bevor er einen Kaufvertrag unterschrieb. Wenige Minuten später verließen die drei das Anwesen. Alle drei fuhren mit ihren eigenen Wagen. Janni nahm seinen Alfa Spider und Giuseppe und Emanuele ihre Wagen. Signore Mascali konnte nun endlich den neusten Stand von dem neuen Geschäftsmodell, dem Motorsport, erfahren. Auf Grund der Überwachung durch die Polizei war Nicola die letzten sieben Wochen, seit Neujahr, nicht mehr Zuhause gewesen. Beide hatten zwar immer mal wieder kurz telefoniert, aber nie länger als zwei Minuten. Sie nahmen an, dass das Telefon abgehört wurde. Nicola begann seinen Bericht damit, dass Dr. Ulrich Feldmann von der Frankfurter Bank hinter dem Rücken der Mascali´s mit dem Verband Deutsche-Tourenwagen-Rennen gesprochen hatte. Nach der Information von ihm und nachdem der Verband erfahren hatte, dass BMW und Audi aus der DTR aussteigen, veranlasste der Vorstand, dass die neue Motorenregelung wieder zurückgezogen wurde. Die Kontaktperson im Verband war aber auch nicht in der Lage gewesen, dieses zu verhindern. Eine Zurücknahme der Regeländerungen konnte die beiden Firmen aber nicht mehr umstimmen. Was ganz im Sinne der Mascali´s war. Ihrer Ansicht nach würde es ausreichend sein, dass Mercedes und einige private Rennteams mit Alfa in der Saison ´93 fahren würden. Beide Mascali´s waren der Meinung, dass man auf Dr. Feldmann in Zukunft ein wachsames Auge haben musste. Die Männer hatten weiter berichtet, dass BMW nun mit Schreiber Motorsport aus Freilassing an der Englischen Tourenwagen-Meisterschaft teilnehmen würde. Die beiden Mitarbeiter von der Niederlassung aus London würden sich darum kümmern, um Näheres in Erfahrung zu bringen. Wenn genaue Informationen vorliegen würden, müsste entschieden werden, ob sich die Niederlassung London oder Köln um Schreiber Motorsport kümmern würde. Nicola berichtete weiter, dass Detlef Neuberg, alias Dieter Neumann, sich von Mercedes bei BMW hatte abwerben lassen und ab Anfang März dort seinen neuen Posten antreten würde. Dort hatte er die gleiche Tätigkeit wie bei BMW. Signore Mascali war begeistert über diese Neuigkeit. Das ergab nun weitere neue Möglichkeiten der Einflussnahme. Detlef hatte dies eigenständig entschieden, da er zu dem damaligen Zeitpunkt keine Möglichkeit hatte, mit Italiano oder Nicola, Rücksprache zu halten. Das zukünftige einschleusen von Männern an entscheidenden Stellen in Firmen und vor allen Dingen im Verband Deutsche-Tourenwagen-Rennen wurde von beiden Mascali´s als eine der wichtigsten Maßnahme in den nächsten Wochen angesehen. Deshalb hatte Nicola bei der Zentrale auf Sizilien nach weiteren Männern, am besten aus dem deutsprachigen Teil Südtirols, nachgefragt. Eine entsprechende Antwort würde in den nächsten Stunden erwartet. Über den neusten Stand des Rennteams, bei dem Janni fuhr, hatte Signore Mascali schon alles von Janni selbst erfahren. Das Alfa-Scorcese-Team war nun bei dem größten Fiat- und Alfa Romeo Händler in Frankfurt am Main untergebracht. Genauso wie es Bernardo Carbone, der Oberboss auf Sizilien, arrangiert hatte. Signore Mascali machte sich mit Nicola darüber Gedanken, ob es nicht sinnvoll wäre, doch noch an den Firmensitz von Schneider Racing zu kommen. Dieses Mal müssten sie es aber besser machen. Der alte Herr erzählte von einem Vorfall aus einer Zeit als er noch Mitte Zwanzig war und auf Sizilien lebte. Die Zentrale wollte seiner Zeit auch eine Fabrik übernehmen, was hinterher durch unglückliche Umstände nicht klappte. Signore Carbone hatte seiner Zeit noch nicht die Leitung der Zentrale unter sich, aber schon einigen Einfluss und durch seine skrupellose Art viel Erfolg. Er war es dann auch, der nach ein paar Monaten, durch einfallsreiche Aktionen, doch noch das Schiff wenden konnte und alles für die Zentrale gut aus ging. Er wusste auch noch, was Bernardo alles getan hatte. Vielleicht, so meinte er, wäre es jetzt an der Zeit, genauso bei Schneider Racing vorzugehen. Nicola machte sich kurze Notizen, während sein Vater erzählte. Als dieser fertig war, wollte er von seinem Sohn wissen.

„Wie sieht es jetzt mit dem Jannson-Team aus? Haben die jetzt die neuen Alfas bekommen?“

„Ja, haben sie, aber mit Verspätung. Die sind erst Mitte Januar bei denen eingetroffen.“

„Was ist jetzt mit den beiden Fahrern?“

„Ich will hoffen, dass das klappt und wenn nicht, tauschen wir die beiden Fahrer aus.“

„Bene (in Ordnung), wie willst du das machen?“

„Wir sorgen dafür, dass die beiden durch einen Verkehrsunfall für ein paar Monate ausfallen. Dem Team präsentieren wir dann zwei von uns ausgesuchte Fahrer.“

„Grande (Großartig), was habt ihr mit dem Bogandi-Team unternommen?“

„Wie du es wolltest, erstmal nichts. Müssen wir wahrscheinlich auch nicht, seit BMW aus der DTR ausgestiegen ist, mache ich mir keine Sorgen mehr.“

„Grande. Was ist mit diesen beiden Reportern?“

„Du meinst diesen Bishelm und den Heims?“

„Ja, so heißen die beiden, glaube ich.“

„Italiano und Filippo sind beiden auf der Spur. Ich will wissen, seit wann die bei den Redaktionen arbeiten, wo sie wohnen, haben sie Familie, wer sind ihre Freunde und so weiter.“

„Dann bin ich gespannt, was die beiden herausfinden.“
Signore Mascali machte eine kurze Pause, sah runter und sprach leise weiter als wenn Nicola es nicht hören sollte.

„Ich habe mir schon länger Gedanken gemacht, wie wir die Polizia da draußen los werden.“ Dann sah er seinen Sohn an und sagte weiter. „Ich habe dir übrigens auch noch was Neues zu erzählen. Die beiden Polizia-Leute, die schon mal da waren, haben uns letzten Donnerstag noch mal besucht.“

„Am Donnerstag, das war doch der 11. Februar?“

„Ja, kann sein, dass das der 11. war.“

„Ist das wichtig?“

„Das war der Tag als ich mit den Männern im Westerwald war.“

„Mmh, bene. Also, die beiden wollten wissen, woher wir den Radan und den Russen kennen würden.“

„Und, was hast du gesagt?“

„Die wären uns von Bekannten vorgestellt worden. Nach einiger Zeit hätten sie sich den Mercedes von Josef ein paar Mal ausgeliehen. Die sagten, dass der Wagen in Frankfurt gefunden worden ist. Da waren wir natürlich sehr überrascht.“

„Kann ich mir vorstellen.“
Beide lachten.

„Und weiter?“

„Die schienen erstmal damit zufrieden zu sein. Dann haben wir gefragt, wann Josef seinen Mercedes wiederbekommt. Das wussten sie noch nicht und sind danach gegangen. Das war es.“

„Bene.“

„Ach, was ich auch noch nicht erzählt habe, Roberto hat das ´Casa Sicilia´ geschlossen und an Landsleute verkauft. Die haben es jetzt in ´Il Mulino´ umbenannt.“

„Kennen wir die?“

„Nein, sind Fremde. Haben mit keiner Zentrale zutun., sind einfach nur Landsleute.“

„Wo ist Roberto jetzt?“

„Mit Giulia wieder auf Sizilien. Bernardo ist das Restaurant zu gefährlich geworden.“
Josef kam zwischendurch rein und brachte zweimal Kaffee, während beide Mascali´s sich über das weitere Vorgehen abstimmten.

 

20. Februar 1993, Samstag, 9.40 Uhr
Köln

Wie schon bekannt, befand sich auch an diesem Morgen Signore Mascali um diese Uhrzeit im Wintergarten und frühstückte mit Nicola zusammen. Janni war am Vortag erst sehr spät nach Hause gekommen, so das es keiner mehr mitbekommen hatte, da alle schon geschlafen hatten. Er war mit seinen beiden Freunden zu dem größten Fiat- und Alfa Romeo Händler in Frankfurt am Main gefahren. Bei einem Besuch bei seinem Alfa-Scorcese-Team, ein paar Tage zuvor, hatte er einen wunderschönen Lancia bei dem Händler gesehen. Einen solchen Lancia Delta Integrale Evo I mit 16V-Motor ohne Katalysator hatte er nun bestellt. Dieser musste aber erst aus Italien geholt und dort angemeldet werden, da es für Deutschland den Wagen nur als 8-Ventiler mit Katalysator gab. Den wollte Janni natürlich nicht. Er war sich sicher, dass sein Vater nichts gegen ein relativ kleines Auto aus Italien sagen würde. War ja kein Ferrari. Als er in den Wintergarten kam begrüßte er die beiden. Sein Vater hatte den Kauf eines neuen Wagens schon längst wieder vergessen. Somit musste er sich auch nicht wundern, dass er ihn gar nicht fragte, ob er ein schönes neues Auto gefunden hätte. Janni fiel die Möglichkeit, dass sein Vater nicht mehr dran denken würde, überhaupt nicht ein. Er setzte sich dazu und Josef brachte ihm ein paar Minuten später auch sein Frühstück, wie immer einen Cappuccino und ein Croissant. Vater und Bruder unterhielten sich währenddessen weiter. Nach einer ganzen Weile, Janni hatte sein Croissant schon längst aufgegessen, nutzte er eine Unterbrechung der Unterhaltung.

 „Ich habe gestern was Tolles gefunden.“
Beide schauten ihn etwas fragend an, denn auch Nicola wusste in dem Augenblick nicht, wovon sein Bruder sprach. Janni sah zwar die Fragenzeichen, erzählte aber einfach mal weiter.

„Wir sind gestern nach Frankfurt gefahren.“

„Prima.“ „Aha.“ Sagten beide.

„Wir sind bei dem Händler von meinem Team gewesen.“
Janni strahlte. Seinem Vater fiel immer noch nichts dazu ein. Nicolas Stirn hingegen legte sich in Falten.

„Er ist rot“, sagte er voller Begeisterung.
Nicola machte daraufhin einen abfälligen Gesichtsausdruck. Nur Signore Mascali wusste auch jetzt noch nicht, worum es ging.

„Wer ist rot?“

„Mein Auto“, antwortete er und strahlte dabei.

„Warum sagst du uns das? Ich weiß doch, dass der rot ist“, erwiderte sein Vater leicht genervt.

„Ja, woher weißt du das denn?“

„Oh mio dio (Oh mein Gott). Der steht doch seit drei Jahren vor dem Haus. Was soll das jetzt?”, wunderte sich Michele etwas angefressen.

„Ich spreche doch nicht von dem Spider.“

„Sondern?“

„Von dem Wagen, den ich gestern bestellt habe.“

„Was hast du?“

„Ich habe einen Lancia Delta Integrale gekauft.“

„Wie bitte! Ich habe doch gestern gesagt, du sollst zuerst mit mir sprechen, bevor du einen Kaufvertrag unterschreibst. Mama mia!“, schrie er und haute mal wieder mit der Faust auf den Tisch, so dass die Kaffeetassen einen Satz machten. Josef hörte das Schreien, den Schlag auf den Tisch und kam in den Wintergarten gelaufen. Er blieb am Eingang stehen und sah sich um. Signore Mascali hielt lautstark seinem Sohn eine Standpauke. Janni sah seinen Vater an, stand auf und unterbrach ihn.

„Es reicht, Padre. Ich bin kein Kleinkind, was du zurechtweisen musst.“

„Anscheinend ja doch und unterbreche mich nicht noch einmal, wenn ich dir etwas zu sagen habe.“

„Es reicht, Padre, es reicht“, schrie Janni zurück und ging Richtung Wohnzimmer.

„Bleibst du wohl hier“, rief er hinterher.
Janni hingegen ließ sich nicht aufhalten. Während er weiterging schleuderte er seinen rechten Arm hoch. Signore Mascali schäumte vor Wut. Nicola versuchte ihn zwar zu beruhigen, was aber in dem Augenblick nicht gelang. Wenige Minuten später verließ Janni mit einer Reisetasche das Haus. Die Eingangstür knallte ins Schloss. Was bis hinten im Wintergarten zu hören war. Das Tor zum Anwesen ging auf und Janni fuhr mit durchdrehenden Rädern im leichten Drift vom Grundstück. Das Observierungsteam war ihm in dem Augenblick scheißegal.

 

Samstag, 13.30 Uhr
Düsseldorfer Flughafen

Dorothea und Uwe Müller standen in der Ankunftshalle, um die beiden abzuholen. Michaela kam vor Mark aus dem Zollbereich und sah ihre Eltern als erstes. Sie freuten sich, die beiden gesund und munter wiederzusehen. Auch Mark und besonders Michaela waren über das Wiedersehen glücklich. Auf dem Weg nach Hause erzählte sie von der Verlobung. Dorothea und Uwe waren nicht überrascht, sie hatten schon damit gerechnet. Mark war sichtlich erleichtert über die positive Reaktion und strahlte. Zuhause bei Müllers angekommen, berichteten sie, bei Kaffee und Kuchen, ausführlich von ihrem Urlaub. Michaelas Eltern hatten vor fast 27 Jahren ihre Hochzeitsreise nach Lanzarote gemacht. Daher wollten sie wissen, wie es jetzt dort aussah. Michaela versprach, sofort am Montag die Fotos entwickeln zu lassen. Die vier unterhielten sich auch über die Zukunftspläne der beiden jungen Leute. Einen Hochzeitstermin hatten sie zwar noch nicht, dafür wussten beide aber, wie die nächsten Wochen aussehen sollten. Als erstes würde Michaela zu Mark ziehen. An den Rennwochenenden, an denen sie im PZ arbeiten müsste, könnte sie ja bei ihren Eltern schlafen. Das freute Dorothea und Uwe natürlich. Beide erzählten, dass sie sich nach einer neuen Wohnung umsehen wollten, da die von Mark nur eine kleine Zwei-Raum-Wohnung in einem Reihenhaus war. Die Eigentümer wohnten in einer Vier-Zimmer-Wohnung im ersten Stock. Die Erdgeschosswohnung, auch aus vier Zimmern bestehend, war genauso vermietet, wie die Dachgeschosswohnung, wo Mark wohnte. Im Sommer war es unter dem Dach viel zu warm und im Winter zu kalt, was daran lag, dass die Isolierung nicht die beste war. Auch störte Mark die ständige Kontrolle und Kommentare durch seine Vermieter. Sie machten ihre Tür auf, wenn er an deren Wohnungstür vorbeiging und sagten ihm so Dinge wie:
‚Da bist du aber gestern spät nach Hause gekommen‘,
‚Denke bitte dran, dass du den Flur putzt‘ oder
‚Du muss noch deine Wäsche unten im Keller von der Leine nehmen.‘
Auch das häufige Übernachten von Michaela war den Vermietern nicht verborgen geblieben. Michaelas Eltern versprachen ab diesem Zeitpunkt aufmerksam die Wohnungs-Annoncen in der Westdeutsche Allgemeine Zeitung zu lesen. Da es bereits spät am Nachmittag geworden war gingen Mark und Michaela hoch in ihr bisheriges Zimmer. Dort packten sie die Hälfte ihrer Garderobe in zwei Wäschekörbe, um diese mit in die Wohnung von Mark zu nehmen. Einige Zeit später verabschiedenden sich die sich von Michaelas Eltern. Marks Vermieter waren zu diesem Zeitpunkt auf einer Karnevalssitzung in der Grugahalle. So konnten die beiden mit ihren Koffern und den beiden Waschkörben ungehindert in Marks und `Michaelas´ Wohnung.

 

Samstag, 15.00 Uhr
Duisburg

Janni war längere Zeit ziellos durch die Gegend gefahren, ohne zu wissen, was er nun machen sollte. Denn schließlich war seine überstürzte Abreise von Zuhause nicht geplant gewesen. Gegen Spätmittag war er nach Düsseldorf zu seinem Freund Emanuele gefahren. Von dessen Mutter hatte er erfahren, dass Emanuele mit seinem Vater nach Italien zu mehreren italienischen Winzern gefahren sei. Davon hatte Emanuele am Vortag gar nichts gesagt. Gut, sagte er sich ‚Dann versuche ich es bei Giuseppe, vielleicht kann ich dort ein paar Tage verbringen‘. Eine Stunde später stand er bei Familie Lombardi vor der Tür. Das Haus war auch groß, nicht so schön gelegen wie das von seinem Vater, aber auch Klasse. Mit sehr geringen Erwartungen war er dort hingefahren, umso mehr war er überrascht, dass Signore Lombardi keine Einwände hatte, dass Janni ein paar Tage bei Giuseppe blieb. Seine Eltern wollten gar nicht wissen, warum er bei Giuseppe übernachten wollte. Zumindest fragten sie nicht. Dieser freute sich über den spontanen Mitbewohner. Janni bekam eines der drei Gästezimmer mit eigenem Bad, das hatte er noch nicht mal Zuhause in Köln. Er war gerade dabei seine Reisetasche auszupacken als es an der offenstehenden Tür klopfte.

„Un buon giorno, Signore Mascali (Guten Tag, Herr Mascali), ich bin Emilia“, sagte eine ältere Frau. Janni stutzte kurz.

„Buon giorno Emilia, sie können ruhig Janni zu mir sagen”, grüßte er zurück.

„Ich habe gehört, du bleibst einige Tage bei uns?“

„Ja, Signore Lombardi war so freundlich.“

„Ich möchte dich fragen, was du heute Abend zu essen wünscht?“
Janni stutzte.

„Das weiß ich nicht. Was essen die anderen denn?“

„Das ist unterschiedlich. Signore und Donna Lombardi wünschen als Antipasti (Vorspeise)  Parmigiana di melanzane (Gemüseauflauf; der besonders in Süditalien weit verbreitet ist) und als Hauptspeise Arrosticini (Grillspezialität aus den Abruzzen). Giuseppe möchte wie häufig als Antipasti Spaghetti alla puttanesca (Spaghetti mit einer scharf-würzigen Tomatensauce, ein aus Süditalien stammendes Nudelgericht) und als Hauptspeise Bistecca alla fiorentina (T-Bone-Steak nach Florentiner Art).“
Janni musste schlucken. Er konnte nicht glauben, was er gerade gehört hatte. Jeder konnte sich etwas anderes wünschen und sogar Spaghetti alla puttanesca gab es. Das war Zuhause unmöglich. Sein Vater hatte immer gesagt, dass dies das Essen der Huren sei und das ein ‚Mascali‘ so etwas nie im Leben essen würde. Nach Überlieferung handelte es sich dabei um ein schnelles Gericht, was die
Prostituierten schnell und einfach zwischen den Besuchen ihrer Freier zubereiten konnten. Jetzt zum ersten Mal konnte er auch diese Spaghetti haben.

„Ich nehme das gleiche wie Giuseppe“, sagte er schnell.

„Oh, das musst du nicht. Ich koche dir auch gerne etwas besseres.“

„Nein, ich möchte auch gerne die Spagetti haben.“
Emilia, die Hausangestellte, schüttelte nur ihren Kopf und ging wieder. Janni schaute ihr hinterher und wusste nun, dass er schon viel eher hätte herkommen sollen. Abends um acht wurde an einem langen Tisch im Speiseraum zu Abend gegessen. Der Tisch war für 18 Personen. Vor Kopf saß Signore Lombardi, links davon die Mutter von Giuseppe, Janni hatte den Platz rechts vom Hausherrn bekommen. Direkt neben ihm befand sich Giuseppe. Emilia brachte die vorher ausgesuchten Vorspeisen. Beim Essen wurde nur sehr wenig gesprochen, das war bei den Mascali´s sonst anders. Als der erste Gang abgeräumt war, wollte Signore Lombardi wissen, was man tun müsse, um in der Deutsche-Tourenwagen-Rennen zu fahren. Janni erklärte alles so weit er selbst es wusste. Das er nicht bis ins letzte Detail Bescheid wusste, wunderte Signore Lombardi. Nachdem er ihm erklärt hatte, dass er sich um solche Details nicht kümmern musste, sondern nur fahren brauchte, akzeptierte er die Antwort. Janni war erstaunt über das Interesse an dem Rennsport. Signore Lombardi sah seinen Sohn an und sagte: „Giuseppe, erzähle Janni davon.“
Janni schaute etwas verdutzt und erwartungsvoll.

„Ich habe dir doch in Magny Cours gesagt, wie toll ich den Tourenwagensport finde?“

„Ja, hast du.“

„Als wir dann am Hockenheimring bei Mark und seinen Freunden waren, habe ich gesehen, mit wie wenigen Mitteln man diesen Sport betreiben kann.“

„Na ja, wenige Mittel sind das nicht. Für Mark ist das ein Riesenbatzen Geld.“

„Janni, was glaubst du, kostet ein Jahr in dem Sport?“, fragte Signore Lombardi.

„Oh, das ist eine schwere Frage.“ Er machte eine Pause und überlegte. „Also, da ist zum ersten der Wagen. Gebraucht muss man da mindestens wohl so mit 95.000 DM rechnen. Die Ausrüstung, die Halle, ein geeignetes Transportfahrzeug und alle laufenden Kosten, wie Reifen, Benzin, Ersatzteile, Anmeldegebühr und weiteres... mmh... schwer zu sagen, so mindestens noch mal 75.000 DM aufwärts. Das sind dann aber nur die Kosten von Mark und seinen Freunden und die machen alles selber.“

„Weißt du denn was dein Team pro Jahr für Kosten hat?“

„Ja, alles zusammen waren es letztes Jahr etwas über eine Millionen DM.“
Signore Lombardi schaute ungläubig, Frau Lombardi verschluckte sich an dem gerade getrunkenen Rotwein und Giuseppe bekam den Mund nicht mehr zu.

„Aber warum fragt ihr? Wollt ihr mitfahren?“, fragte Janni.

„Ich habe mit dem Gedanken gespielt und mit meinen Eltern darüber gesprochen“, antwortete Giuseppe.

„Und ist das jetzt konkret?“, wollte Janni wissen.

„Es kommt natürlich auf die Kosten an“, sagte Signore Lombardi.

„Ich war vor Weihnachten bei Mark in der Halle in Gelsenkirchen Feldmark. Der hat noch seinen alten BMW M3 dastehen, vielleicht fragst du mal, ob du dir den Wagen leihen kannst.“

„Ja aber, den braucht Mark doch selber, oder nicht?“

„Nein, der hat jetzt einen Mercedes 190E 2,5-16 EVO 2 von einem Freund von Michaelas Vater.“

„Wer ist Michaela?“, fragte Signore Lombardi.

„Das ist die Freundin von Mark.“

„Giuseppe, dann frag diesen Mark doch mal und vielleicht können wir den M3 auch kaufen.“

„Den wird er nicht verkaufen, denn den 190er hat er nur zur Verfügung gestellt bekommen und fährt Werbung für die Bank von diesem Freund. Wenn der das Sponsoring einstellt, hätte er keinen Wagen mehr. Das wird er nie tun. Den M3 hat er von der Erbschaft seine Opas gekauft.“

„Dann fragt ihn doch mal, ob er den verleiht und was er dafür haben will“, meinte Giuseppes Vater.

„Das beste wird sein, wenn Mark das machen sollte, dass du als Teammitglied im zweiten Wagen vom Kirchheim-Team fährst.“

„Wieso das denn?“

„Weil du dich sonst als eigenes Team anmelden muss und registriert wirst. Wenn du dann feststellst, dass du nicht schnell genug bist, bleiben die Kosten für die laufende Saison. Mark aber kann ohne Probleme einen zweiten Wagen melden und es kostet auch weniger als die Hälfte.“

„Dann ruft doch zusammen den Mark morgen mal an und sprecht mit ihm.“

„Der ist mit Michaela im Urlaub. Ich glaube, der kommt dieses Wochenende wieder. Er hat mir gesagt, wenn ich ihn anrufen wolle, könnte ich ihn am besten auf seiner Arbeit erreichen.“

„Auf seiner Arbeit? Was arbeitet der denn?“, wollte Signore Lombardi wissen.

„Der ist bei einer Fenster- und Türen-Firma beschäftigt.“

„Und wann kümmert er sich um den Rennwagen und alles andere?“

„Nach Feierabend und an den Wochenenden.“
Emilia kam in den Speiseraum und brachte den Hauptgang. Während des Essens und auch später nach dem Nachtisch wurde noch lange über den eventuellen Renneinsatz von Giuseppe im Tourenwagensport gesprochen.

 

22. Februar 1993, Rosenmontag, 9.10 Uhr
Polizeipräsidium Köln

Die Kripo-Beamte Hans-Dieter Reichel und Lothar Knapp befanden sich selbst an einer der wichtigsten Tage in Köln an ihren Schreibtischen und lasen den Observierungsbericht der letzten Woche.

„Ist das jetzt eine Woche her, dass der Thomas vom BKA angerufen und gesagt hat, dass der Fall Mascali von denen erstmal eingestellt wird?“, fragte Lothar.

„Ja.“

„Da ist letzte Woche nichts weiter passiert. Außer, dass am Freitag super teure Sportwagen auf das Grundstück gefahren sind. Hinterher ist einer der Mascali-Söhne mit den anderen wieder weggefahren. Jeder in seinem eigenen Sportwagen.“

„Sonst nix?“

„Nein, nichts.“

„Dann sollten wir die Observierung wohl mal einstellen.“

„Stimmt, kommt wirklich nichts bei raus. Die Kostenstelle hat auch schon nachgefragt, ob das denn noch sein müsste.“

„Und?“

„Jo, muss, habe ich gesagt. Sonst würden die ja nicht immer noch dastehen.“

„Kam aber nicht gut an, oder?“

„Nö, aber du kennst die doch.“

„Okay, dann rufe ich mal in der Observierungs-Stelle an“, sagte Hans-Dieter, nahm den Hörer seines Telefons ab und wählte die interne Rufnummer. „Geht keiner dran.“

„Ja, ist heute auch kein Wunder.“

„Stimmt, die sind bestimmt alle auf dem Karnevalszug.“

„Dann lass uns zu den Kollegen fahren und wir sagen es ihnen selbst.“

„Gut, so machen wir es.“
Wenig später trafen die beiden beim Observierungsteam ein. Die freuten sich, dass diese Dauerbeobachtung endlich zu Ende war.

 

Rosenmontag, 10.40 Uhr
Köln

Signore Mascali betrat die Küche und schaute Josef an. Dieser war sehr erstaunt, dass sein Capo zu ihm kam. Das war nicht normal. Er konnte noch nicht mal sagen, wann er das letzte Mal höchstpersönlich dort gewesen war. Trotzdem wusste er sofort, was jetzt kommen würde.

„Josef“, sagte er.

„Ja, Signore Mascali.“

„Wo ist Janni? Wir haben jetzt Montag und er ist noch nicht wieder da.“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen, Signore Mascali, ich weiß es nicht.“

„Er hat sich auch nicht bei dir gemeldet?“

„Hätte er das tun sollen?“, fragte Josef etwas scheinheilig, was sein Boss sofort bemerkte.

„Josef, jetzt fang du nicht auch noch so an. Also?“

„Nein, er hat sich seit Samstag nicht bei mir gemeldet.“
Signore Mascali schaute ihn an und wusste, dass er sich auf die Aussage verlassen konnte. Er hätte nachgefragt, wenn Josef nicht ‚seit Samstag‘ gesagt hätte. Über die vielen Jahre, die er nun bei den Mascali´s war, konnte er seinem Boss ansehen, dass er sich doch langsam Gedanken machte. Er schaute ihm hinterher als Signore Mascali die Küche verließ. Drei Augenblicke später kam er zurück.

„Josef, hat Janni auch so ein mobiles Telefon?“

„Nein, hat er nicht.“

„Warum nicht?“

Josef stutzte und antwortetet: „Möchten Sie, dass ich auf die Frage antworte?“
Signore Mascali schaute etwas verdutzt.

„Ja, bitte.“

„Sie haben doch immer zu ihm gesagt, dass man so einen modernen Mist nicht braucht, oder?“
Das war nicht die Antwort, die er hören wollte.

„Bin ich zu streng mit ihm?“

„Ehrlich?“

„Ja natürlich.“

„Mmh... Sie übertreiben es mit Ihren Vorschriften bei ihm. Sie behandeln ihn wie ein Kleinkind.“
Signore Mascali musste schlucken als Josef eine Pause machte, um dann fortzufahren, „Wie lange hätten Sie sich das von Ihrem Vater gefallen lassen?“

„Als ich erwachsen war, gar nicht. Als ich so alt war wie Janni, gehörte ich schon zur Zentrale.“

„Aha... dann wundern Sie sich jetzt noch? Sie können froh sein, dass er auf seine Mutter herauskommt.“

„Was soll das denn heißen?“

„Wäre er wie sein Bruder, würden Sie mit ihm überhaupt nicht so umspringen und das wissen Sie auch.“

„Josef, ich muss dich doch sehr bitten“, sagte Signore Mascali etwas erbost. Dann sah man, das er nachdachte und sagte nach einigen Augenblicken: „Nein, du hast ja Recht. Hättest du mir auch etwas netter sagen können.“

„Hätte ich...“, sagte Josef und lächelte, dann sagte er weiter. „Sie sagen doch immer ‚das muss man deutlich sagen, damit es auch ankommt‘, nicht wahr Capo?“

„Wir kennen uns schon zu lange. Aber, das ist auch gut so.“ 
Nicola war aus dem Arbeitszimmer gekommen, weil er die Stimmen von Josef und seinem Vater gehört hatte. Gerade als er die Küche betrat, sah er, wie sein Vater Josef auf die Schulter klopfte und zu ihm sagte.

„Ich bin sehr froh, dass du bei mir bist.“
Nicola wunderte sich sehr. Er hatte noch nie gesehen, dass sein Padre jemanden auf die Schulter klopfte oder zu jemanden sagte, dass er froh sei, dass derjenige da sei. Signore Mascali hatte nicht mitbekommen, dass sein Sohn in die Küche gekommen war und erschrak als er sich umdrehte, um wieder zu gehen.

„Warum bist du froh, dass Josef da ist?“, fragte Nicola.

„Weil er immer so lecker kocht und sich um unser Wohl kümmert.“
Nicola schaute etwas ungläubig, was sein Vater sah.

„Mach du auch mal was richtig, dann wirst du auch mal in ein paar Jahren gelobt.“
Josef schüttelte leicht seinen Kopf, was aber von den beiden Mascali´s keiner sah.


Rosenmontag, 11.27 Uhr
Essen

Mark war an diesem Tag wieder pünktlich an seinem Arbeitsplatz erschienen. Sehr zur Freude von seinem Arbeitskollegen Thomas Mayer, der Mark vertrat, wenn dieser nicht da war. In der Qualitätssicherung hatte es am Morgen genauso ausgesehen wie zwei Wochen zuvor. Kollege Mayer hatte unauffällig Marks Arbeit erledigt. Dieser befand sich zu diesem Zeitpunkt vor seinem Büro als das Telefon klingelte. Er ging hinein und nahm den Hörer ab.

„Fenster und Türen Müller, Kirchheim, guten Tag.“

„Hallo Mark, ich bin es Janni.“

„Hallo Janni.“

„Du kennst doch Giuseppe?“

„Ja, dass ist doch der, der den 911 Turbo S fährt, oder?“

„Ja genau. Giuseppe möchte gerne auch in der DTR fahren und möchte wissen, ob du ihm den M3 für diese Saison leihst?“

„Den M3 leihen? Öh... “

„Können wir heute Abend zu euch in die Halle kommen?“

„Ja, könnt ihr. Aber darüber, ob ich den M3 verleihe, muss ich erst mal nachdenken.“

„Na klar. Kommt ja auch ein bisschen überraschend. Ab wann bist du in der Halle?“

„So gegen 16:30 Uhr.“

„Okay, dann bis nachher“, sagte Janni.

„Okay, Janni.“
Mark war leicht geschockt. Er wusste in dem Augenblick nicht, was er denken sollte. Eineinhalb Stunden später stand Uwe im Büro von Mark.

„Na, wie sieht es aus, sollen wir was essen gehen?“, fragte er.
Mark sah Uwe an und nickte zustimmend.

„Ja, können wir machen. Wohin fahren wir denn?“

„In das neue ´Il Mulino´? Das ´Casa Sicilia´ ist geschlossen und unter anderem Namen wiedereröffnet worden.”

„Aber Roberto ist nicht mehr da?“

„Nein, das sind neue Eigentümer.“
Mark legte noch die Papiere, an denen er gearbeitet hatte, zusammen und beide fuhren mit dem 300D von Uwe in das neue alte Restaurant. Dort angekommen wurden sie freundlich begrüßt. Beim Essen erzählte Mark von Jannis Anruf und seinem Anliegen.

„Tja, schwer zu sagen, ob du das machen sollst. Wenn er den M3 ganz lässt, wäre es ja wohl in Ordnung, denke ich. Aber wenn nicht...“ sagte Uwe und machte eine Pause. „Eigentlich müsstest du mit dem Giuseppe einen Vertrag machen, dass, wenn er den Wagen unreparierbar zerstört, er den jetzigen Wert bezahlen muss.“

„Klingt vernünftig und was meinst du, was soll ich nehmen?“

„Mmh, auch eine sehr gute Frage? Du sagst, die sind nicht ganz arm.“

„Könnte man bei einem 11er Turbo S wohl sagen.“

„Wie viele Rennen sind das noch mal?“

„Zwanzig Rennen, also 10 Wochenenden, immer zwei Rennen hintereinander am Sonntag, plus die beiden wertungslosen im englischen Donington.“

„Also zweiundzwanzig“, fasste Uwe zusammen, dachte nach und sagte: „Was meinst du zu 65.000 DM für die ganze Saison?“

„Ui, das sind dann... äh ... über den Daumen ca. 6000 pro Wochenende, mmh.“

„Zu wenig?“

„Nein, nicht zu wenig, ist das nicht viel zu viel?“

„Was ist er denn jetzt noch wert?“

„60.000 DM habe ich bezahlt.“

„Ja, aber vor ein paar Jahren und was würde er denn heute kosten, wenn du einen solchen kaufen wolltest?“

„Jetzt, wo BMW ausgestiegen ist, würde ich mal schätzen, nicht unter 85.000 DM.“

„Okay, 85.000 DM und dann weiß man noch nicht mal, ob der Wagen richtig läuft.“

„Ist richtig. Also müsste in dem Vertag 100.000 DM stehen, wenn er ihn zu Schrott verarbeitet.“

„Ja, genau und er muss für alle Reparaturen aufkommen.“

„Fragt sich, wo er ein Team hernimmt?“

„Och, das kann ich mir schon vorstellen.“

„Echt und wo?“

„Er wird dich fragen, ob ihr das nicht machen könnt.“

„Nee, nee, ist klar. Dann schrauben wir an zwei Wagen oder was?“

„Da gehe ich mal von aus. Ihr kennt den M3 in und auswendig. Natürlich muss er auch dafür aufkommen.“

„Ach, du Schreck. Das wird dann aber richtig teuer für ihn.“

„Tja, so ist das nun mal, wenn man keine entsprechenden Leute hat und nichts selbst machen kann.“

„Du meinst das jetzt alles ernst, oder?“

„Natürlich meine ich das Ernst. Rufe nachher Michael und Frank an und spreche das mit den beiden durch.“

„Und mit Michaela, denn schließlich verbringe ich dann noch mehr Zeit in der Halle, wenn sein Talent nicht so groß ist.“ Beide mussten schmunzeln.

„Also, wenn wir das machen und nur wenn, dann muss ich mal schauen, wie ich den Vertrag schreibe. Na, vielleicht kann Michaela da helfen.“

„Lass mal, ich habe heute nicht viel zu tun. Ich setze mit Frau Engel einen Vertrags-Entwurf auf.“

„Wau, Klasse Uwe, danke schön.“
Beide besprachen noch das eine oder andere bis auf einmal Mark einfiel, was er Uwe schon die ganzen Tage zuvor erzählen wollte.

„Was ich dir noch nicht gesagt habe ist, die internationalen Rennen wird es dieses Jahr nicht geben.“

„Oh, warum das denn nicht?“

„Die Verantwortlichen haben keine vernünftigen Termine gefunden. Irgendwer konnte von den einzelnen Rennserien nie.“

„Schade, na dann ist das halt so.“, antwortete Uwe.
Da beide von dem Essen im neuen alten Lokal sehr angetan waren, beschlossen sie, ab diesem Zeitpunkt wieder mittags dort hinzufahren.

 

Rosenmontag, 16.30 Uhr
Gelsenkirchen Feldmark

Mark saß in seinem kleinen Büro und schrieb auf, was alles für Kosten in einer laufenden Saison mindestens anfallen würden, ohne das zusätzliche, was noch kaputt gehen könnte. Zwischendurch schaute er immer wieder auf die Uhr über den Halleneingang. Er fragte sich, wo die beiden denn bleiben würden, da sie ja schließlich um halb fünf da sein wollten. Er sagte zu sich – das fängt ja schon gut an, bevor es überhaupt begonnen hat – und überlegte, was er danach noch tun könnte. Ein paar Minuten später hörte er den Escort von Frank kommen. Ehe er sich versah stand dieser auch schon im Eingang.

„Was schreibst denn da?“, war die Frage von ihm.

„Hallo Frank, ich freue mich auch, dich wiederzusehen.“

„Stimmt ja. Du warst ja zwei Wochen im Urlaub, ist so gar nicht aufgefallen. Soll heißen, wir haben dich überhaupt nicht vermisst“, antwortete er und grinste dabei.

„Ja, das ist ja eine tolle Begrüßung hier. Ich glaube, ich sollte wieder gehen.“

„Ach, wenne schon mal hier bist, dann kannste ja auch bleiben.“

„Nee, ist das Klasse.“
Mit diesen Worten stand Mark auf und ging um den Schreibtisch.

„Mensch, komm her, lass dich drücken. Aber jetzt mal im Ernst. Michael und ich haben schon gesagt, das war jetzt das erste Mal, dass du weg warst, seit wir das hier zusammen machen.“

„Ja, stimmt. Haben Michaela und ich auch schon gesagt.“ Beide nahmen sich in den Arm und drückten sich fest.

 „Hey, ich will auch gedrückt werden“, klang es vom Eingangstor her.
Mark und Frank drehten sich um.

„Ach, da ist ja unser Michael“, sagte Mark.
Als er bei seinen beiden Freunden stand wurde Mark auch von ihm in den Arm genommen.

„Schön, dass ihr zwei wieder da seid. Mensch, was haben wir dich vermisst“, gestand Michael und seine Augen strahlten dabei.

„Ganz ehrlich, ich freue mich auch, euch zu sehen.“

„Erzähl, wie war euer erster Urlaub?“

„Super, Klasse. Mensch, gehen vierzehn Tage vielleicht schnell rum. Die Bungalow-Anlage war toll. Morgens, mittags und abends gab es Buffet. Wir haben die ersten neun Tage einige Ausflüge gemacht. Die letzten sind wir dann am Ort geblieben und... wir haben...“
Mark machte eine Pause.

„Ihr habt was?“, fragte Michael.

„Also, Michaela und ich... wir haben uns verlobt.“

„Ja, super.“ „Das freut mich für euch“, sagten beide.
Alle drei setzten sich, wie so häufig, ins Büro und schenkten sich jeder einen Pott Kaffee ein. Es war inzwischen kurz nach fünf als die drei auf der Straße den Sound von einem 911 Turbo S hörten.

„Ach, da sind sie ja endlich“, sagte Mark.

„Wer ist da endlich?“, wollte Michael wissen.

„Janni und Giuseppe, die wollten uns wegen des M3 sprechen. Dazu wollte ich euch eigentlich heute Nachmittag vom Büro aus angerufen haben. Scheiße, habe ich hinterher vergessen.“
Zwei Autotüren wurden zugeworfen und die beiden Italiener standen im Torbogen der Halle. Alle fünf begrüßten sich auf italienerische Art.

„Da ist der BMW ja“, sagte Giuseppe.
Frank und Michael schauten etwas verdutzt. Beiden konnte man ansehen, dass sie sich fragten, will Mark jetzt doch den M3 verkaufen.

„Ja, seht ihn euch an“, sagte Mark.
Janni machte die Motorhaube auf und sah sich den Motor an, während Giuseppe sich mehr für den Innenraum interessierte. Marks Freunde sahen ihn fragend an, was er auch bemerkte.

„Janni hat mich heute Vormittag angerufen und mir erzählt, dass Giuseppe den Wagen mieten möchte, um auch in der DTR fahren zu können.“

„Mieten?“, fragte Frank ganz erstaunt.

„Ja“, sagte Janni „Denn verkaufen möchtet ihr ihn ja nicht.“

„Wir schon, Mark aber nicht“, berichtigte Michael die Äußerung von Janni.

„Was hat ihr euch denn so vorgestellt?“, wollte Mark wissen.
Janni und Giuseppe kamen auf die drei zu.

„Lasst uns ins Büro setzen“, sagte Mark.

„Passen wir denn da alle fünf rein?“, wollte Giuseppe wissen.

„Da passen sogar sechs Leute rein“, erwiderte Frank etwas konsterniert über die Frage.
Als alle saßen und auch die anderen beiden einen Pott Kaffee hatten, konnte es losgehen.

„Nachdem wir heute morgen telefoniert haben habe ich bei der Organisation, sprich dem Verband angerufen,“ sagte Janni und sah dabei Mark an. „Denen habe ich erzählt, was wir vorhaben. Da hat man uns den Vorschlag gemacht, wir sollten doch mit euch reden, ob wir den Wagen nicht als zweites Fahrzeug vom Kirchheim-Team anmelden könnten.“

„Das wollte ich euch auch vorschlagen.“

„Ja?“

„Natürlich, weil das weniger als die Hälfte kosten würde.“

„Woher weißt du das?“

„Na, weil ich die Anmeldungen mit allem drum und dran seit Jahren mache.“
Janni bemerkte, dass seine Frage doof gewesen war.
„Na, klar doch. Ich habe die gefragt, ob das denn ginge, dass in einem Team ein BMW und ein Mercedes fahren würden.“

„Oh, daran habe ich jetzt gar nicht gedacht, und?“

„Ja, geht. Hätte es zwar noch nie gegeben, wäre aber okay.“

„Gut, dann müssen wir uns nur noch über den Preis einigen.“

„Und wie sieht es mit Vorbereitung, Reparaturen, Wartung und so weiter aus?“

„Die Frage habe ich schon erwartet. Das können wir...“

„Halt, stopp mal“, rief Frank dazwischen. „Ihr glaubt doch wohl nicht, dass wir für euch die Karre nach jedem Rennen zerlegen und dann auch noch unseren Daimler machen, oder was?“
Es musste keiner der beiden etwas sagen, man sah auch so, dass sie genau das gedacht hatten. Aber Frank wäre nicht Frank gewesen, hätte er nicht sofort darauf reagiert.

„Nee... dat könnt ihr knicken, aber komplett. Dat wird nix, nicht mit mir. Dann kann ich ja direkt hier in die Halle ziehen.“

„Das ist überhaupt eine gute Idee, die hättest du auch eher haben können“, meinte Michael.

„Ja, sagt mal, haben sie euch heute schon in den Arsch getreten?“, fragte Frank in die Runde.
Alle vier schauten etwas sparsam.
„Aber ich habe einen Vorschlag für euch“, sagte Frank, die vier schauten neugierig.

„Giuseppe, du hast doch bestimmt noch ein oder zwei andere Freunde, die dir hier helfen würden?“

„Freunde? Nein, nicht welche so wir ihr es seid, die Mark unterstützen“, sagte er verlegen und wurde auch etwas rot dabei.

„Aber ich hatte mir so was schon gedacht, daher habe ich meinen Cousin Giovanni und meine Cousine Francesca gefragt. Er würde auf jeden Fall helfen, bei Francesca weiß ich es noch nicht.“
Bei dem Namen Francesca verzog Frank sein Gesicht. Das sahen Janni und Giuseppe natürlich. Um der Frage vorzugreifen, sagte Mark: „Der Name Francesca löst bei unserem Frank eine Art Schockstarre aus. Es gab da mal ein besonderes Erlebnis in jüngster Zeit. Können wir euch ja irgendwann einmal erzählen.“

„Also, ich wäre bereit, euch zu unterstützten, wenn ihr unter meiner Anleitung nicht mehr weiterkommt. Du Giuseppe, solltest auf jeden Fall noch einen weiteren Helfer haben. Kann auch deine Cousine sein, wenn sie sich nicht wie ein typisches Mädchen verhält, okay?“, sagte Frank.

„Ja, okay“, antwortete Giuseppe.

„Besser wäre es, wenn du einen Mechaniker hättest, der Ahnung von der Materie hat.“

„Mmh?“

„Spreche doch mal mit deiner Familie, vielleicht weiß die ja jemanden.“

„Okay, was hast du dir vorgestellt, wie hoch soll die Miete sein?“, fragte Giuseppe und sah dabei wieder Mark an.

„Ich habe heute Mittag mit Uwe darüber gesprochen. Was sagst du zu 65.000 DM für die ganze Saison. Das sind inklusive Donington dann zweiundzwanzig Rennen. Wir würden einen Vertrag machen, dass wenn du den M3 zu Schrott verarbeitest, ich dann 100.000 DM von dir bekomme. Was sagst du?“
Alle vier sahen, dass Giuseppe überlegte und schaute dann zu seinem Freund rüber.

„Das klinkt fair, Giuseppe“, sagte Janni.

„Es kommen natürlich noch die laufenden Kosten plus entstandene Schäden und alle Reparaturen hinzu“, sagte Mark weiter.

„Ist klar.“

„Ich habe mich vorhin mal hingesetzt und alle laufenden Kosten der letzten Saison aufgeschrieben, die mindestens anfallen werden, ohne das was zusätzlich noch kaputtgehen wird.“
Mit diesen Worten schob er Giuseppe den handgeschriebenen Zettel rüber. Auch Michael und Frank waren an der Aufstellung interessiert. Janni und Giuseppe lasen jeden Punkt einen nach dem anderen durch. Da es einige Punkte waren, dauerte es einige Minuten. Frank und Michael waren sich, nachdem sie die lange Liste gesehen hatten, nicht mehr sicher, ob sie auch den Zettel durchlesen wollten.

„Hui, das ist ja noch einiges“, sagte Giuseppe als er fertig war.

„Und?“, fragte Mark.

„Du möchtest bestimmt wissen, ob ich immer noch möchte?“

„Jo, sowas in der Art. Ach und wo wir noch gar nicht drüber gesprochen haben, du musst noch eine entsprechende Rennlizenz machen.“

„Gibt es verschiedene?“

„Ja, die nationalen und internationalen Rennlizenzen. Da die DTR auch im nahen Ausland fährt brauchst du eine internationale. Vorher brauchst du auch noch ein ärztliches Attest.“

„Wo mache ich die Lizenz?“

„Am besten bei DMSB, steht für Deutschen Motor Sport Bund. Zuerst die nationale Lizenz und danach die internationale Rennlizenz. Ich gebe dir gleich ein paar Unterlagen. Du solltest dich aber schnell dort melden. Denn schließlich haben wir schon Ende Februar und die letzten Termine für Rennlizenzen sind meistens im März.“

Giuseppe sah wieder zu Janni rüber, der sagte daraufhin: „Das kannst nur du entscheiden und deine Eltern. Bedenke, dass du nicht mehr so viel Freizeit haben wirst wie jetzt.“

„Ja und es geht sehr viel Zeit dabei drauf, vor allen Dingen, da du und dein Cousin nicht viel Ahnung habt“, sagte Mark.

„Und je mehr am Rennwochenende kaputt geht, desto mehr bist du hier in der Halle“, gab auch Michael zu bedenken.

„Jetzt mal was ganz anderes, wie machen wir das denn, wo wir nur eine Hebebühne haben. Stellt euch vor, beide Wagen müssen repariert werden. Was machen wir dann?“, fragte Frank.

„Dann müssen wir noch eine kaufen. Die könnten wir dann hier hinter dem Büro leicht schräg hinstellen“, meinte Mark.

„Und die Regale?“, wollte Frank wissen.

„Links vom Tor, wo jetzt der BMW steht.“

„Das wird dann aber schön eng, denn an den Transporter denkt ihr noch?“, fragte Frank nach.

„Apropos Transporter, den brauchst du auch oder hast du einen?“

„Nein, habe ich nicht.“

„Wir könnten aber einen Hänger hinter den alten Transporter packen“, sagte Mark.

„Ja, wir wären ja dann sowieso ein Team“, sagte Michael schon freudig.

„Dir gefällt der Gedanke schon, was?“, wollte Frank von Michael wissen.

„Ja, fände ich Klasse. Wir müssten dann aber noch mit einem dritten Fahrzeug fahren.“

„Oh, stimmt. In die beiden Transporter passen eigentlich nur jeweils drei von uns. Macht also sechs“, sagte Mark und fing an aufzuzählen.

„Wir sind dann Frank, Michael, Peter, Moni, Michaela, wenn sie frei bekommt, du Giuseppe, dann Giovanni und Francesca oder jemand anderes und ich. Also neun.“

„Bei uns ist Freitag ein alter Trani reingekommen, den sollte ich mir ansehen, hat mein Chef gesagt, ob wir den in Zahlung nehmen können. Der ist noch richtig gut. Ist von der Feuerwehr, hat fast nix gelaufen.“

„Wo arbeitest du denn Frank?“, wollte Giuseppe wissen.

„Bei Ford Fischer in Essen.“

„Und was bitte ist ein Trani?“

„Das ist ein Ford Transit, kurz Trani. Ungefähr so wie VW Bus und Bulli.“
Giuseppe nickte zustimmend.

„Das nimmt ja schon richtige Formen an“, sagte Janni ganz erstaunt, fast mit einem etwas neidischen Ton.

„Das beste wird sein, du schläfst mal ein, zwei Nächte drüber und sagst uns dann Bescheid, ob du das machen willst“, meinte Mark.

„Das ist ein guter Vorschlag.“

„Du solltest dir das gut überlegen, dass ist nichts, was man mal so einfach machen kann.“ sagten Michael und Frank.

Auch Janni meinte: „Lass dir das durch den Kopf gehen, du musst dich ja nicht jetzt entscheiden.“
Es wurde noch lange über eine mögliche Zusammenarbeit gesprochen, überlegt wie das mit dem schlafen vor Ort aussehen würde, welche Rennanzüge er kaufen sollte, welcher Helm zu empfehlen ist, was für feuerfeste Unterwäsche benötigt würde und mit welchen Kosten auch noch zu rechen wäre, wenn er einen Unfall bauen würde. Die Uhr über dem Eingang zeigte kurz nach halb sieben als Michaela mit ihrem roten Polo angefahren kam. Als sie sich dem kleinen Büro näherte sagte sie: „Na, das ist ja mal richtig voll hier.“
Janni und Giuseppe standen auf, um Michaela zu begrüßen. Was auch die anderen drei natürlich taten. Da sie jetzt gerade wieder mal in der Halle standen, schauten sich die vier zusammen den M3 noch einmal an. Mark und Michaela sprachen über das Vermieten des Wagens. Ihr Vater hatte sie im Laufe des Nachmittags über das Vorhaben von Giuseppe unterrichtet. Mark wollte wissen, was seine Verlobte dazu meinte.

„Das musst du oder besser ihr drei entscheiden“, antwortete sie.

„Nö, das ist nicht nur unsere Entscheidung, sondern auch deine. Wir zwei sind jetzt verlobt.“

Das freute sie und erwiderte: „Ich habe nichts dagegen, denn mehr Hände sind immer besser. Der Giuseppe scheint doch auch ein prima Kerl zu sein.“

„Okay, dann ist es nur noch seine Entscheidung, ob wir das machen.“
Während die beiden noch mal Marks Kostenaufstellung durchgingen, informierten Michael und Frank Giuseppe über die letzten Reparaturen, die in den letzten Monaten angefallen waren.

 

23. Februar 1993, Dienstag, 8.45 Uhr
Duisburg

Die Familie Lombardi und ihr Gast Janni Mascali saßen zusammen am Tisch im Speiseraum und frühstückten. Emilia brachte noch vier Eier, was Janni eigentlich viel zu viel war. Er wusste nicht, dass die Familie möglichst immer zusammen aß. Also nicht wie bei ihm Zuhause. So einen reichhaltigen Frühstückstisch hatte er noch nie gesehen. Zumindest konnte er sich an keinen erinnern. Eigentlich war das auch gar nicht typisch für Italiener. Vielleicht lag das daran, dass Signore und Donna Lombardi schon sehr lange im Ruhrgebiet lebten und Giuseppe auch in Duisburg geboren war. Er war weiter in Gedanken vertieft als der Vater fragte: „Wie war es denn jetzt bei diesem Mark? Ist das was für dich, Giuseppe?“

„Auf jeden Fall. Ich habe noch mal drüber geschlafen und ich möchte das machen.“
Dann erzählte er seinen Eltern sehr ausführlich, was alles besprochen worden war, was wieviel kosten würde, dass er eine nationale und internationale Rennlizenz brauchte und so weiter. Janni sagte währenddessen nichts. Als Giuseppe fertig war wollte Signore Lombardi von ihm wissen, was er davon hält.

„Das ist jetzt kein Auto, womit man gewinnen wird. Aber für gute Platzierungen unter den ersten zehn müsste es gehen. Kommt natürlich auch auf das fahrerische Können von Giuseppe an.“

„Ist mein Sohn bei den Leuten gut aufgehoben?“

„Auf jeden Fall. Die fünf sind sehr in Ordnung. Sind ab und zu etwas direkt und grob im Umgangston, aber man kann sich auf sie verlassen.“

„Das direkte und geradeaus liegt am Ruhrgebiet. Die sind hier fast alle so. Finde ich aber besser als anders herum.“

„Was ist mit den Kosten, Vater?“, fragte Giuseppe.
Janni fiel erst jetzt auf, dass sich die Familie Lombardi gar nicht auf italienisch unterhielt, sondern immer auf deutsch. Er sagte auch Vater und nicht Padre.

 

 

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